Wilde Allesfresser – zweimal Savage im Stresstest

Wilde Allesfresser – zweimal Savage im Stresstest

Ein Jagdjahr zumeist vom Ansitz, eine Drückjagdsaison, gute zwei Dutzend Schießstandbesuche unterschiedlicher Intensität und reichlich Jungjägerhände in der Schießausbildung und der Waffenhandhabung verlangten dem schnörkellos schlichten Schießgerät so einiges ab. In dieser Zeit habe ich die Savage Wild Boar sehr zu schätzen gelernt und nehme sie immer noch gerne mit ins Revier.

Hinzu kam zu Beginn der letzten Drückjagdsaison ein ebenso schlichtes wie schnörkelloses Arbeitsgerät in Form einer Savage 10 FCP im Kaliber .308 Winchester. Diese Waffe begleitete mich in der letzten Saison auf mehr als drei Dutzend Drückjagden. Nach dem Wechsel der Drückjagdoptik gegen ein Ansitzglas ist nun diese Savage im Revier-Dauertest.

In vorangegangenen Testberichten musste ich mich stark zurück halten, um nicht über beide Produkte aus dem Hause Savage ins Schwärmen zu geraten – das Preis-Leistungsverhältnis ist einfach grandios und qualifiziert sie, aus meiner bescheidenen Sicht, definitiv zur Jungjägerwaffe als Erstanschaffung oder Zweit-/Dritt- oder Viertwaffe für jene unter uns, die schon ausreichend ausgestattet sind, aber gerne was Neues probieren wollen.

Savage 10 FCP-SR

Savage 10 FCP-SR

Munitionsfühligkeit
In der Regel wählt man beim Einschießen einer neuen Waffe eine Wunschlaborierung aus. Wenn diese aus besagter Waffe ausreichend präzise schießt, wechselt man in der Regel nicht ständig hin und her. Man hört allerdings in Jägerkreisen immer wieder von »sensiblen« Waffen, regelrechte Diven im Bezug auf Munitionsfühligkeit.

Restbestände
Ich bin nun aber sowohl neugierig als auch skeptisch und wollte wissen, was die beiden Waffen in Bezug auf die Präzision wirklich können – oder eben auch nicht. Also musste ich einige Zeit auf dem Schießstand einplanen. Um ein möglichst weites Spektrum an Laborierungen auszuprobieren und mein »Taschengeldbudget« nicht zu sprengen, war ein klein wenig Organisationstalent vonnöten. Also sichtete ich zunächst meine vorhandenen Munitionsbestände auf Reste und bekam im Kaliber .308 Winchester wie auch im Kaliber .30-06 Springfield ein paar angefangenen Schachteln zusammen. Auch fragte ich einige meiner »schießaffinen« und experimentierfreudigen Jagdfreunde sowie einen befreundeten Büchsenmacher nach nicht mehr benötigten Laborierungen in ihren Munitionsschränken. Maßgabe waren mindestens 10 Schuss pro Laborierung für ein Minimum von zwei 5er-Gruppen auf 100 m als Referenz.

An dieser Stelle geht mein ausdrücklicher Dank an alle »Spender«. Letztlich konnte ich, auf drei Schießstandbesuche verteilt, aus der Savage Wild Boar im Kaliber .30-06 Springfield insgesamt 22 unterschiedliche Laborierungen mit 67 Gruppen á 5 Schuss testen. Bei der Savage 10 FCP im Kaliber .308 Winchester kam ich auf insgesamt 59 5er-Gruppen verteilt auf 20 Laborierungen. Ich muss gestehen, dass ich gerne auf dem Schießstand bin, aber 630 Schuss, auf drei Besuche verteilt, waren schon ein ordentlicher Brocken. Geschossen wurde jeweils auf 100 m mit einer vernünftigen Auflage. Nach jeder 5er-Gruppe konnte die Waffe vor der nächsten 5er-Gruppe ausreichend abkühlen. Hierbei zeigte sich von Vorteil, dass beide Waffen über Semi-Weight-Läufe verfügen. Es kamen sowohl bleifreie als auch bleihaltige Laborierungen zum Einsatz.

Keine Reinigung
Ausdrücklich erwähnen möchte ich, dass ich weder zu Beginn, noch zwischendurch die Waffen auf irgendeine Art chemisch gereinigt habe. Über das Reinigen, insbesondere das chemische Reinigen, wird ja unter Jägern sehr viel philosophiert, gerade wenn es um den Wechsel von bleihaltiger zu bleifreier Munition geht. Da ich bewusst auf das Zwischenreinigen bei den Laborierungswechseln verzichtet habe, war ich anfangs skeptisch bezüglich der Präzison. Zumal ich schon mit anderen Waffen gelegentlich negative Erfahrungen im Bezug auf die Munitionsfühligkeit gemacht hatte.

Savage 10 FCP-SR

Savage 10 FCP-SR

Bierdeckel
Der runde deutsche Standard-Bierdeckel hat einen Durchmesser von 107 mm. Meine Hoffnung war, dass alle Laborierungen aus beiden Waffen diesen Bierdeckel mit fünf Schuss halten können. Immerhin gilt eine 5er-Gruppe auf 100 m auf einem Bierdeckel gemeinhin als jagdlich ausreichend. Für mich persönlich ist das für die jagdliche Praxis allerdings noch nicht optimal, ich bevorzuge deutlich engere Streukreise.

Was letztlich an Streukreisen ermittelt werden konnte, hat mich positiv überrascht. Mit keiner Laborierung war das Halten des Bierdeckels mit fünf Schuss auf 100 m eine Herausforderung. Und das liegt sicherlich nicht an meinen völlig durchschnittlichen Schießfertigkeiten sondern ganz sicher an der hohen Munitionstoleranz der Savage 10 FCP im Kaliber .308 Winchester sowie der Savage Wild Boar im Kaliber .30-06 Springfield.

Savage Wild Boar mit Leupold VX6 3-18×50

Savage Wild Boar mit Leupold VX6 3-18×50

Streukreise
Die schlechtesten Ergebnisse lagen bei manchen 5er-Gruppen etwas über 40 mm. Die beste 5er-Gruppe bei der Savage Wild Boar im Kaliber .30-06 Springfield lag bei den bleihaltigen Laborierungen mit der Hornady Custom Lite bei 16 mm. In den bleifreien Laborierungen konnte aus der Wild Boar die TUG nature aus dem Hause Brenneke ebenfalls mit 16 mm auftrumpfen.

Bei den bleihaltigen Laborierungen trumpfte die Savage 10 FCP im Kaliber .308 Winchester mit der Hornady Custom Lite mit der besten 5er-Gruppe (14 mm) auf. Bei den bleifreien Laborierungen war die Hornady Superformance mit dem 150grs GMX Geschoss mit einem 16 mm-Streukreis nur unwesentlich schlechter.

Tabelle_Winchester

Tabelle21

 

 

Toleranz
Insgesamt hat mich die hohe Toleranz beider Waffen aus dem Hause Savage gegenüber verschiedensten Laborierungen äußerst positiv überrascht. Für zwei Waffen aus der »Massen-Produktion« im unteren Preissegment bei Jagdwaffen ist die gezeigte Leistung meiner Meinung nach mehr als respektabel. Interessant wäre sicherlich darüber hinaus noch ein umfangreicher Vergleich mit Produkten anderer Hersteller, beispielsweise aus dem Mittel- oder gar Hochpreis-Sortiment. Umsetzbar wären ähnliche Tests sicherlich jedoch nur mit großem Aufwand. In diesem Test war für die allgemeine Aussagekraft ein großer Vorteil, dass die beiden verwendeten Kaliber auf dem jagdlichen Sektor zu den am weitesten verbreiteten Kalibern überhaupt gehören, was auch die Beschaffung von Testlaborierungen in solchem Umfang aus »Resten« bestimmt erleichtert hat.
Torsten Kleckers